Zukunft der Rehabilitation – Neue Modelle zum Wohl des Patienten

1. Juli 2016


Dieses wichtige Trendthema hat sich das Netzwerk healthcare.saarland auf die Agenda gesetzt: Der intensive Wettbewerb um die besten Versorgungskonzepte hat Folgen für den Reha-Markt – immer zum Wohle des Patienten? Wie funktioniert ambulante orthopädische Reha aus der Klinik nach Hause? Wie kann (dafür) modernste IT-Infrastruktur entwickelt und eingesetzt werden? Warum ist das Thema interessant für Forschung und Künstliche Intelligenz vom DFKI? Welche Fragestellungen und Lösungen ergeben sich für Krankenhäuser und Unternehmen der Ernährungsindustrie? Wie geht es weiter mit der Telematik im Gesundheitswesen?

healthcare.saarland hat diese Fragen gemeinsam mit den Kostenträgern, mit Experten aus dem Therapiealltag, mit Unternehmern aus der Medizintechnik und angrenzenden Industrien, mit Forschern, mit Ärzten und weiteren Fachleuten aus der Branche am Beispiel der ambulanten Reha und neuer technologischer Entwicklungen in der Computer-Kardiographie diskutiert.

Die Rehabilitation hat im Gesundheitssystem einen hohen Stellenwert, da eine erfolgreiche Reha zu einem längeren Verbleib im Arbeitsleben führt. Entsprechend fordern Kostenträger an dieser Stelle innovative Leistungen verstärkt ein. Zu Recht!  Neue digitale Infrastruktur soll genutzt werden und neue Organisationsstrukturen können zur Verlagerung der Reha aus der Klinik nach Hause führen.
Nachfolgend sind einige wichtige Aspekte festgehalten:

IKK Südwest: Passgenaue Reha ermöglicht Gesundheit schnell wieder herzustellen

Professor Dr. Jörg Loth, Vorstand der IKK Südwest, bezeichnet das Thema als Zukunftsthema. Er begrüßt den Einstieg in neue, innovative Modelle außerordentlich: „Reha zum Wohle des Patienten hat oberste Priorität“. Gerade weil stets die Abwägung zu ökonomischen Interessen vorzunehmen sei, müsse eine passgenaue und auf den Patienten abgestimmte, individuelle und flexible Reha ermöglicht werden, um dessen Gesundheit schnellstmöglich wieder herzustellen. Dafür benötige es neue und innovative Lösungen und Modelle. „Das Saarland ist dafür hervorragend aufgestellt. Und das ist gut so, denn der Handlungsbedarf steigt, vor allem auch bei psychischen Erkrankungen“. Für den Kostenträger sind dabei unkonventionelle und niedrigschwellige Lösungen wie Reha-Maßnahmen am Wochenende oder telefonische Beratungen von Arbeitnehmern am Abend sinnvoll. Patientensicherheit ist ein weiteres Thema. Genauso wie auch die zweite Meinung von Ärzten, Qualitäts- und Behandlungsfehlermanagement, Telemedizin oder der Onkologie-Lotsen für Patienten beim Erhalt einer Krebsdiagnose. In der mobilen Reha sieht Loth ein hohes Potenzial und ein Betätigungsfeld in der Branche.

„Deutschland hat noch viel Potential wenn es um Digitalisierungsprozesse in der Reha geht“

 
„Deutschland hat sehr viele Möglichkeiten aber auch Baustellen, wenn es um Digitalisierung geht. Die technischen Möglichkeiten sind häufig vorhanden, so wie bei der Infrastruktur für die Elektronischen Gesundheitskarte. Jetzt muss aber auch umgesetzt werden“. So sehen das auch die ausgewiesenen Experten. Weitere Beispiele sind elektronische Fragebögen für Patienten, die Überwachung und Einübung von physiologischen Übungen mit Hilfe von Sensoren oder Videos, Notfall-EKGs in Kombination mit einem Smartphone. Die Digitalisierung wird die Reha enorm verändern.

Alarmierende Zahlen: Reha versus Prävention

Ein kurzer Schwenker zum Thema Prävention gibt zu denken: Im Jahr 2012 gaben die Gesetzlichen Krankenkassen 170 Milliarden Euro für die Gesundheit ihrer Mitglieder aus, im Jahre 2015 bereits 200 Milliarden. Tendenz weiter steigend.

Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt hat ein Volumen von insgesamt 315 Milliarden Euro. In die Prävention, also in die Vermeidung von Krankheiten bevor sie da sind, wurde nur rund eine halbe Milliarde Euro, ganze 0,25%, investiert.

Professor Loth sieht hier Anpassungsbedarf.

Barbara Dittgen vom Therapiezentrum Winterberg: 30-40% aller orthopädischen Rehas könnten ambulant erfolgen


Im Saarland betreibt Barbara Dittgen im Therapiezentrum Winterberg ein neues Therapiemodell. Die „Ambulante orthopädische Reha“. Das Therapiezentrum ist das einzige saarländische Unternehmen, das die Zulassung aller Kostenträger besitzt. 30-40% aller orthopädischen Rehas könnten ambulant erfolgen. Konkret bedeute dies tagsüber Reha in der Einrichtung, abends und nachts im vertrauten Umfeld zuhause. Die Patienten werden schnell wieder in die alltäglichen Abläufe eingebunden. Physische Grenzen werden erkannt und in den Therapieprozess integriert. Wichtig neben der Therapie sind intensive Kontakte zu Arbeitgebern, die Vor- und Nachbehandler und ein Fahrdienst. „Sehr gute Resonanz erhalten wir von einer Therapie, die drei-bis fünfmal pro Woche stattfindet. Bei älteren und mehrfacherkrankten Patienten ist die ambulante Rehabilitation sehr erfolgreich. Mit ausreichend Zeit für die Regeneration“…„Neu ist die berufsbezogene Rehabilitation. Begonnen wird diese Maßnahme mit standardisierten Leistungstests, deren Resultate Basis der passgenauen Therapie sei. Mit dem Ziel, wieder an den angestammten Arbeitsplatz zurückzukehren.“ Externe Qualitätssicherung und Zertifizierungen sowie Patientenbefragungen zu Qualität und Leistungsfähigkeit der Behandlung evaluieren die Therapieanstrengungen und runden das erfolgreiche Therapiemodell des Therapiezentrums Winterberg ab.

Politische Rahmenbedingungen müssen stimmen


Im Saarland sieht Dittgen aus Sicht des Therapiezentrums aufgrund des demographischen Wandels, also einer immer älter werdenden Bevölkerung insbesondere im Saarland, einen besonders hohen Druck, zeitnah neue Konzepte zu entwickeln. „Das saarländische Netzwerk ist sehr gut aufgestellt. So können die verschiedenen Player in neue Modelle eingebunden werden.“ Frau Dittgen spricht die Politik an: „Wir benötigen Rahmenbedingungen, um die guten neuen Konzepte auf den Markt bringen zu können“.

Professor Dr. Gerhard Schmidt: Neue Technologien für personalisierte Reha

Prof. Dr. Gerhard Schmidt, Wissenschaftler und geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Gerhard Schmidt GmbH forscht und entwickelt auf dem Zukunftsgebiet der Digitalen Reha. Er ist sich sicher, dass die Zukunft der Reha in einer personalisierten Therapie liegt. Hierfür entwickeln er und seine Kollegen neue Technologien. Er hat er ein Produkt entwickelt, das Trainingsdaten und medizinische Daten eines Patienten während des Trainings an eine zentrale Stelle weiterleitet. In dieser zentralen Datenbank werden durch spezialisiertes Fachpersonal, wie Therapeuten oder Ärzte, die Daten überwacht sowie neue Trainingsparameter und Maßnahmen errechnet und definiert. Je nach individueller Leistungsfähigkeit. So erfahren die Behandler vom Schreibtisch aus, wie ein Patient trainiert, ob Fehler gemacht werden oder Probleme auftauchen. Jederzeit kann in das Training eingegriffen werden und mit dem Patienten beispielsweise über Skype kommuniziert werden. Beispielsweise in Österreich ist Professor Schmidt mit seinen Produkten in einem Krankenhaus erfolgreich.

Modell der Zukunft: Intelligente, selbstüberwachende Systeme

Digital unterstützte Therapiemodelle sind die Zukunft: „Schnelles Internet mit geringen Kosten, moderne Endgeräte wie Smartphones und das zunehmende Umdenken der Bevölkerung zu mehr Prävention machen digitale Anwendungen sinnvoll“, so Schmidt. Aufgabe ist es, offene ethische Fragen zu klären und Haftungsfragen und Fragen zu Datenschutz und Datensicherheit zu beantworten. Wie der IKK-Vorstand denkt auch Schmidt nicht ausschließlich an Reha: „Sinn machen ebenfalls Präventionsmodelle, die in der Lage sind, das heutige Gesundheitssystem zu entlasten“.

healthcare.saarland plant Schwerpunkt Prävention

Dr. Thomas Siemer, Leiter des Netzwerkes „healthcare.saarland“, nimmt in seinem Schlussplädoyer den Faden „Prävention“ auf. „Wo aktuell auf der Webseite des Netzwerkes auf www.healthcare.saarland das Trendthema Labortechnik platziert ist, wird im Trendthema Herbst 2016 über den aktuellen Stand der Technik, die saarländische wissenschaftliche und unternehmerische Kompetenz und über überregionale Kompetenz in der Prävention informiert.“

Herr Dr. Wallee, inwieweit interessiert sich ein Unternehmen wie die Bodymed AG für ambulante Reha? Wo sind die Schnittmengen?

„Die Bodymed AG mit Sitz in Kirkel bietet bundesweit mit über 600 Ärzten ambulante Ernährungskonzepte an. Das in den Leitlinien der Fachgesellschaften explizit empfohlene Bodymed-Programm ist eines der erfolgreichsten und nachhaltigsten Gewichtsreduktionsprogramme in Deutschland. Mit dem Leberfasten bietet Bodymed ein Programm zur Behandlung der nichtalkoholischen Fettleber an. Hiermit lässt sich zum Beispiel eine Diabeteseinstellung deutlich erleichtern bzw. auch verbessern. Zudem ist Bodymed aktiv bei den Themen Mangelernährung aber auch Ernährung während und nach der Krebstherapie. Mit einem cloud-basierten Portal schafft Bodymed eine Vernetzung zwischen Ärzten, Patienten aber auch begleitenden Instituten wie Apotheken und Kliniken. In Zukunft wird der Datenaustausch über Schnittstellen in Interaktion mit dem Patienten eine entscheidende Rolle spielen. Diese telemedizinischen Aspekte werden sowohl die Therapietreue des Patienten aber auch die Effektivität sowie die Kosten senken und ermöglichen dann flächendeckende Angebote auch bei einem drohenden Ärztemangel. Diese digitale Erfassung von Daten über Wearables, aber auch der Datenaustausch mit dem Patienten mit der Cloudtechnologie wird von Bodymed seit einigen Jahren vorangetrieben und systematisch ausgebaut. Es ergeben sich natürlich auch sehr interessante Schnittpunkte zur Reha über die Vernetzung von Klinik, Hausarzt und weiteren Spezialisten sowie über die Reha-Einheit selbst und nachbetreuende Physiotherapeuten.“

 
Herr Kunz, was hat das Kreiskrankenhaus St. Ingbert mit ambulanter Reha zu tun?

 
„Wir haben grundsätzlich immer Interesse an neuen Geschäftsfeldern und Geschäfts-modellen. Wir informieren uns, wie beispielsweise bei den Veranstaltungen der saar.is, und beantworten dann Fragen wie: Würde ein neuer Bereich in unsere Struktur passen? Stimmen die Voraussetzungen? Können wir das? Ist das wirtschaftlich interessant?“

Herr Rekrut, inwiefern ist das Thema ambulante Reha für das DFKI und dessen Forschung interessant?


„Gleich in mehrfacher Hinsicht. Diese Veranstaltung gibt uns die Möglichkeit, erfolgreich in den Technologietransfer einzusteigen. Mit der IKK können wir darüber diskutieren, ob es gemeinsame Projekte geben könnte. In der Praxis, also in diesem Fall mit Frau Dittgen, können wir gemeinsam überlegen, ob wir sie und das Reha-Zentrum am Winterberg mit Hilfe der Digitalisierung unterstützen können und sie damit vielleicht auch entlasten.“

Frau Schmidt-Jähn, Sie sind im saarländischen Gesundheitsministerium für die Telematik im Gesundheitswesen zuständig. Über einen längeren Zeitraum herrschte Funkstille zu diesem Thema. Wie geht es jetzt weiter?

„Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe Telematik im Gesundheitswesen (BLAG) erstellte in den letzten Monaten die „Strategie zum weiteren Aufbau der Telematikinfrastruktur unter Beteiligung der Länder im Rahmen der Digitalisierung des Gesundheitswesens“.  Dieser wurde Ende Juni in einem Beschluss einstimmig zugestimmt. Jetzt geht sie in die Umsetzung. Ausgangspunkt ist das E-Health-Gesetz, mit dem die Telematikinfrastruktur nach Jahren des Stillstandes aufgebaut werden soll. Schon jetzt können die Länder über Projekte oder die Selbstverwaltung in den Ländern entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Telematikinfrastruktur und vor allem auf die Anwendungen nehmen.

Weitere Informationen hier.
Einen Überblick über die Telemedizin finden Interessierte unter www.gematik.de