Alzheimer im frühen Stadium kann durch spezielle Ernährung verzögert werden

Eine Demenz ist bisher nicht heilbar und auch mit Medikamenten kaum zu behandeln. Im frühen Stadium lässt sich der Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung jedoch mit einem speziellen medizinischen Nahrungsmittel verzögern. Bei Versuchspersonen, die dieses Mittel über einen längeren Zeitraum einnahmen, ließ die geistige Leistungsfähigkeit deutlich langsamer nach als in einer Kontrollgruppe, die nur ein Placebo erhielt. Das ist das Ergebnis der europäischen Studie LipiDiDiet.

 

12. November 2020


Bei dieser wissenschaftlichen Studie wurden  311 Patienten an elf Kliniken bisher drei Jahre lang beobachtet . Die Forschungsergebnisse wurden jetzt in dem renommierten internationalen Journal „Alzheimer’s & Dementia“ veröffentlicht.

Eine beginnende Alzheimer-Erkrankung macht sich durch eine nachlassende Hirn- und Gedächtnisleistung bemerkbar, vor allem das Kurzzeitgedächtnis leidet. Dies erkennen die Patienten und ihre Angehörigen bereits lange, bevor die eigentliche Demenz ausbricht. „Durch Untersuchungen des Hirnwassers und Kernspintomographie-Aufnahmen des Gehirns, die eine für Alzheimer typische Schrumpfung des Hippocampus sichtbar machen, lässt sich dieses Frühstadium gut feststellen“, erläutert Tobias Hartmann, Professor für Demenzprävention der Universität des Saarlandes, der die europäische Studie LipiDiDiet leitet. In der breit angelegten Untersuchung wurden über dreihundert Teilnehmer mit ersten Symptomen über einen längeren Zeitraum mit einem speziellen medizinischen Nahrungsmittel behandelt.

Erste Zwischenergebnisse dazu wurden in den vergangenen Jahren veröffentlicht, die bereits eine Wirksamkeit belegen konnten. „Aber erst jetzt nach drei Jahren Behandlungszeit offenbarten sich weitgehende Unterschiede zwischen den Studienteilnehmern und der Kontrollgruppe“, erläutert Hartmann. Letztere erhielt ein unwirksames Placebo-Mittel, das aber im Geschmack sowie in der Konsistenz und Farbe identisch war. Weder Patienten, Ärzte noch Wissenschaftler wussten, wem das Placebo oder das Multinährstoffgetränk verabreicht wurde. „Bei den Patienten mit dem Nährstoffcocktail schrumpften die Gehirne der von Alzheimer betroffenen Teilnehmer um 20 Prozent weniger als bei der Vergleichsgruppe, der Veränderungsprozess im Gehirn konnte also deutlich verlangsamt werden. Noch wichtiger war, dass die Hirnleistung während der drei Jahre zwischen 40 bis 70 Prozent weniger nachließ als bei den nicht behandelnden Probanden“, erläutert Hartmann.

„Die positiven Effekte der Behandlung zeigten sich besonders deutlich bei den Teilnehmern, die in einem sehr frühen Alzheimer-Stadium damit beginnen konnten. Zudem konnten wir, was uns selbst überraschte, feststellen, dass die Wirkungen im Laufe der Behandlungszeit zunahmen und sich nicht nur im Bezug auf das Gedächtnis, sondern auch auf andere kognitive Bereiche ausweiteten, je länger die Behandlung andauerte“, erklärt Hartmann. Die Probanden konnten zum Beispiel alltägliche Herausforderungen, wie Rechnungen bezahlen, sich den Weg merken oder auch mit Notfällen umgehen, besser bewältigen als die Kontrollgruppe.

Das für die Behandlung der Alzheimer-Patienten eingesetzte Nährstoffgemisch „Fortasyn Connect“ enthält eine spezielle Kombination aus essentiellen Fettsäuren, Vitaminen und anderen Nährstoffen. Dazu zählen Docosahexaensäure, Eicosapentaensäure, Uridinmonophosphat, Cholin, die Vitamine B12, B6, C, E und Folsäure sowie Phospholipide und Selen. Frühere präklinische Forschungen des LipiDiDiet-Konsortiums und anderer Laboratorien, etwa des Massachusetts Institute of Technology (MIT),haben gezeigt, dass diese Nährstoffe eine Reihe von für Alzheimer typische Hirnveränderungen reduzieren. Weitere klinische Studien zeigten zudem positive Ergebnisse bei Gedächtnis- und EEG-Messungen, die auf erhöhte Hirnaktivitäten der behandelten Versuchspersonen hinwiesen.

Derzeit leiden etwa 47 Millionen Menschen weltweit an Alzheimer oder einer ähnlichen Demenz, für die es keine Heilung gibt. Binnen der kommenden 20 Jahre soll sich diese Zahl verdoppeln, im Jahr 2050 erwarten die Wissenschaftler rund 130 Millionen Betroffene. „Trotz intensiver Forschung gibt es leider immer noch keine Medikamente, mit der eine Alzheimer-Erkrankung geheilt werden könnte. Einige Medikamente verbessern vorübergehend die Symptome, lassen die Patienten dann aber schon nach einiger Zeit wieder in die Ausgangslage zurückfallen. Vor diesem Hintergrund sind die positiven Effekte, die wir mit dem besonderen Nährstoffgemisch erzielen konnten, ein großer Erfolg. Wir hoffen, dass der Krankheitsverlauf der Studienteilnehmer auch in Zukunft nur langsam fortschreitet, so dass sie auch im hohen Alter ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können“, sagt Tobias Hartmann.

Hintergrund

LipiDiDiet ist ein großes europäisches Forschungskonsortium, das 1999 gegründet wurde und sowohl Grundlagenforschung als auch klinische Forschung durchführt, um die therapeutischen und präventiven Auswirkungen von Nahrungsfetten auf die neuronale und kognitive Leistung bei Alterung, Alzheimer und vaskulärer Demenz zu untersuchen. Koordiniert wird LipiDiDiet von Tobias Hartmann, Universität des Saarlandes. Leiter des Arbeitspakets der klinischen Studie ist Hilkka Soininen, University of Eastern Finland in Kuopio. Die Arbeit von LipiDiDiet wird größtenteils durch die Forschungsprogramme der Europäischen Union finanziert.

LipiDiDiet-Mitglieder

In Deutschland zählen dazu die Professoren Tobias Hartmann, Klaus Fassbender und Matthias Riemenschneider (Universität des Saarlandes), Johannes Schröder (Universität Heidelberg), Dieter Lütjohann (Universität Bonn), Christoph Laske (Universität Tübingen), Lutz Frölich (Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim) sowie Stephan Schiekofer (Universitätsklinikum Regensburg). International gehören dazu die Professorinnen und Professoren Hilkka Soininen und Heikki Tanila (University of Eastern Finland, Finnland), Miia Kivipelto ( Karolinska Institutet, Schweden), Kaj Blennow (University of Gothenburg, Schweden), Philip Scheltens und Dr. Pieter Jelle Visser (Amsterdam University Medical Centers, Niederlande), Amanda Kiliaan (Medical Center Radboud University, Niederlande), Ladislaus Maria Broersen (Danone Nutricia Research, Utrecht, Niederlande), Botond Penke (University of Szeged, Ungarn), Daniel M. Michaelson (Tel Aviv University, Israel), Vladimír Dolezal (Czech Academy of Sciences, Tschechische Republik) und Deborah Gustafson (Suny Downstate Health Sciences University, USA).

Originalpublikation

Alzheimer's & Dementia: The Journal of the Alzheimer's Association:

36‐month LipiDiDiet multinutrient clinical trial in prodromal Alzheimer's disease:

alz-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/alz.12172



Fragen beantwortet:


Prof. Dr. Tobias Hartmann
Deutsches Institut für Demenzprävention
Universität des Saarlandes
Tel.: 06841 16-47918
E-Mail: tobias.hartmann(at)mx.uni-saarland.de