Welchen "Innovationsfußabdruck" hat die industrielle Gesundheitswirtschaft?

30. August 2017


Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), Anne-Catherine Jung.

In einer neuen Studie hat das Fraunhofer ISI am Beispiel des Pharmaunternehmens Novartis untersucht, welche Beiträge ein multinationales Unternehmen zum Innovationsgeschehen in Deutschland leistet. Im Fokus standen Innovationswirkungen auf Schlüsselfelder wie das Gesundheitssystem, das Bildungs- und Forschungssystem, die Infrastruktur sowie Industrie und Politik.

 

Die forschende Industrie spielt eine zentrale Rolle im Innovationsgeschehen, da sie die Nachfrage nach innovativen Lösungen schnell bedienen und wichtige Impulse für das Innovationssystem geben kann. Dies gilt besonders für Unternehmen der forschungsintensiven Gesundheitswirtschaft. Doch welchen Einfluss hat ein einzelnes Unternehmen auf ein Innovationssystem? Und wie wirken sich speziell die Innovationsaktivitäten eines Pharmaunternehmens aus?

 

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI eine Methode entwickelt, die in der Studie "Innovationseffekte der industriellen Gesundheitswirtschaft − Das Beispiel Novartis" erstmalig zum Einsatz kam. Im Auftrag des Pharmaunternehmens wurde untersucht, welche Beiträge es zum deutschen Innovationssystem leistet. Dieser "Innovationsfußabdruck" erstellt ein Gesamtbild der Innovationswirkungen von Novartis auf Basis eines umfassenden Innovationsverständnisses: Zur Erfassung der unterschiedlichen Innovationsaktivitäten wurden diese in Innovationsfelder geclustert und mithilfe etablierter Innovationsindikatoren sowie qualitativer Ansätze schließlich die Innovationswirkungen ermittelt.

 

Die Ergebnisse der Studie hinsichtlich des deutschen Bildungs- und Forschungssystems zeigen, dass Novartis eng mit diesem verbunden ist. So gehen aus Forschungsprojekten von Novartis Deutschland häufig eigene oder gemeinsame Publikationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen hervor. Dabei nimmt die klinische Forschung eine besondere Rolle ein: Bei den von Novartis geförderten Publikationen können knapp 40 Prozent der klinischen Forschung zugeordnet werden, bei den Eigenpublikationen des Unternehmens sind es etwa ein Viertel. Im Medizinbereich macht die Grundlagenforschung ein Viertel der Eigenpublikationen von Novartis aus. Zudem profitieren die klinische Forschung und insbesondere Universitätskliniken von klinischen Novartis-Studien, weil dies ihre Forschungsinfrastruktur (beispielsweise die Etablierung von Koordinierungsstellen für die klinische Forschung oder dezidierte Studienteams) sowie die Qualität der Forschung insgesamt (zum Beispiel über zertifizierte Studienzentren) verbessert.

 

Weitere positive Effekte ergeben sich durch Maßnahmen und Veranstaltungen zum Wissensaustausch, zur Vernetzung und durch Angebote der Aus- und Weiterbildung. In diesem Kontext lässt sich auch die Schaffung regionaler Kooperationsnetzwerke mit Forschungseinrichtungen nennen, zu denen die deutschen Novartis-Standorte maßgeblich beitragen. Diese zeichnen sich durch ganz unterschiedliche Innovationen aus − von Produktinnovationen durch Neukombination vorhandener Komponenten (Rudolstadt/Thüringen) über Prozessinnovationen durch Einführung von Robotiksystemen (Wehr/Baden-Württemberg) bis hin zu innovativen Organisationsformen für die Zusammenarbeit zwischen kreativen KMU und Großunternehmen (Teltow/Brandenburg).

 

Ärztinnen und Ärzte wiederum haben Vorteile von der Zulassung innovativer und im Fall von Biosimilars auch vergleichsweise günstiger Medikamente und Therapieansätze für die Behandlung ihrer Patientinnen und Patienten. Ebenso sind sie bereits vor der Zulassung in Studien eingebunden und können schon frühzeitig Erfahrungen mit vielversprechenden Wirkstoffen sammeln. Dies ist insbesondere relevant, da neben den Universitätskliniken zahlreiche nicht-universitäre Versorger im ganzen Bundesgebiet in Studien einbezogen sind. Ministerien und Akteuren des Gesundheitswesens werden durch sozioökonomische Studien im Auftrag von Novartis wichtige Informationen und Erfahrungen zu (Folge-)Kosten und Nutzen von Therapien zur Verfügung gestellt.

 

Nicht zuletzt profitieren auch Patientinnen und Patienten direkt von den Innovationsaktivitäten. Neue Wirkstoffe und Therapieansätze haben das Ziel, ihren Gesundheitszustand und/oder ihre Lebensqualität zu verbessern. Durch die Teilnahme an klinischen Studien von Novartis ist ein frühzeitiger Zugang zu solchen neuen Wirkstoffen und Therapien möglich. Auch eine Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten außerhalb von klinischen Studien kann zu wesentlichen Verbesserungen führen: Am Standort Rudolstadt etwa wurde gemeinsam ein neues Inhalatordesign entwickelt, das die Handhabung für Patientinnen und Patienten deutlich vereinfacht und damit die therapeutische Wirkung verbessert.

 

In der Studie wurden auch konkrete Wirkungen einzelner Aspekte auf das Gesamtsystem betrachtet. Am Beispiel der Biosimilars lässt sich beispielsweise aufzeigen, dass letztendlich auch ganze Gesundheitssysteme von den Innovationsaktivitäten profitieren können: Die Novartis-Tochter Sandoz brachte als erstes Unternehmen ein Biosimilars-Produkt auf den Markt und hat im Vorfeld die Erarbeitung der Richtlinien für ein europäisches Zulassungsverfahren für Biosimilars unterstützt. Dieses europäische Zulassungsverfahren diente als Vorlage für die Erarbeitung von entsprechenden Richtlinien in weiteren Ländern. Inzwischen sind Biosimilars von verschiedenen Anbietern in Europa, den USA und weiteren Ländern zugelassen. Der Einsatz von kostengünstigeren Biosimilars könnte sich langfristig positiv auf die Arzneimittelausgaben in im deutschen Gesundheitssystem auswirken.

 

Dr. Thomas Reiß, der am Fraunhofer ISI das Competence Center Neue Technologien leitet und dort die Studie für Novartis koordinierte, fasst die Erkenntnisse zusammen: "Unsere Analyse zeigt, dass der Innovationsfußabdruck von Novartis weit über die Pharmabranche hinauswirkt. Hiervon haben nicht nur wichtige Bereiche des nationalen Innovationssystems Vorteile, sondern vor allem auch regionale Innovationszentren, die von Kooperationen mit Novartis und daraus resultierenden Lernprozessen profitieren." Reiß weist zudem darauf hin, dass sich das neue Konzept des Innovationsfußabdrucks auf die positiven Innovationseffekte fokussiert und etwaige negative Auswirkungen der Innovationsaktivitäten nicht erfasst werden.

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer ISI, erklärt: "Ein solches Konzept, wie es in der vorliegenden Studie genutzt wurde, lässt sich stetig anpassen und beispielsweise für regelmäßige Innovationsmonitorings einsetzen. Ich könnte mir daher eine Anwendung im Rahmen von Innovationsbenchmarkings, die sektoren- und branchenübergreifende Vergleiche im Hinblick auf deren Innovationsperformance erlauben, vorstellen."

 

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